Seminarbericht „Jagende Kunden – Kontrolle von Jagdverhalten“

Letztes Wochenende hatte Sybille Thiele von der „Hundeschule mit Biss“ die Anja Fiedler als Referentin eingeladen. Das Thema war „Jagende Kunden – Kontrolle von Jagdverhalten“. Das Seminar war für TrainerInnen und fortgeschrittene HundehalterInnen ausgerichtet.

Ich habe mich im Vorfelde schon sehr auf dieses Wochenende gefreut. Mein Einstieg in eine andere Trainingswelt begann 2008 mit dem Thema „Aufmerksamkeit und Jagdverhalten“ bei Ute Blaschke-Berthold. Vieles zieht sich wie ein roter Faden durchs Leben, so auch das „unerwünschte“ Jagdverhalten von Hunden, wenn man halt mit Hunden, die gerne Jagen gehen würden, zusammenlebt.

Anja kenne ich jetzt schon eine Weile, denn wir treffen uns ab und an auf Seminaren. Ich mag sie und ihren Umgang mit Hunden sehr und genieße es zudem, sie und ihre Vizsla-Hündin Wolke manchmal in den Pausen begleiten zu können. Anja ist nicht nur Trainerin für Menschen mit Hund mit Schwerpunkt Jagdhunde, sondern auch aktive Jägerin und hat mit ihrer Wolke schon einige Prüfungen erfolgreich belegt.

Dieser Artikel kann nur sehr grob die Inhalte wieder geben. Ich werde in diesem kurzen Bericht keine detaillierten Traningsanleitungen schreiben oder so. Dafür war das Seminar zu umfangreich. Wie so oft macht es tatsächlich Sinn, selber einen Trainer auf das eigene Training mal draufschauen zu lassen oder auf ein Seminar zu gehen. Wir sind so unglaublich viel durchgegangen. Es war in intensives Wochenende, da alle Teilnehmer super Grundlagen hatten und Anja gleich ans Eingemachte gehen konnte – bereits vorhandenes Wissen aktivieren, einsetzen, mit neuem verknüpfen und schauen, wie bereits vorhandene Werkzeuge im Training optimaler eingesetzt werden können.

Der Samstag- und Sonntagvormittag galt der Theorie, nach dem Mittagessen ging es in die Praxis. Das Wetter war uns hold, auch wenn speziell für den Samstag sehr feuchtes Wetter angekündigt war.

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Die Hauptthemen, mit denen wir uns an diesem Wochenende befassen durften, waren:

  • Jagdverhalten
  • Jagdhundetypen und Jagdgebrauch
  • SEEKING – die Emotion hinter dem Jagdverhalten
  • Impulskontrolle, Frust, Erregung und Stress
  • Warten und Unterbrechen
  • Verstärker und Beschäftigungsmöglichkeiten entwickeln

Anja’s Ausführungen zum Thema Jagdverhalten und zu den verschiedenen Jagdhundetypen und den Jagdgebrauch fand ich sehr spannend. Ich wusste zwar, wofür die einzelnen Rassen jeweils ungefähr ursprünglich gezüchtet wurden, aber was es für den Jagdgebrauch bedeutet und wie sich diese Hunde aufgrund dessen in ihrer Umwelt bewegen, wurde mir einmal mehr deutlich. Ein bisschen „Jägerlatein“ hab ich nun auch gelernt 😀 . Anja sagte aber auch, dass viele Jagdgebrauchshunde heutzutage doch öfters in mehreren Disziplinen ausgebildet und viele eher zu Allroundern werden. Zudem kommen halt noch die Zuchtlinien von Züchtern, die sich eher auf’s Äußere beschränken und gar nicht mehr so sehr auf Jagdberauch züchten, so dass es halt auch Hunde gibt, die aussehen wie ein XY, aber von dem ursprünglichen Verhalten nicht so viel übrig geblieben ist. Wohl aber auch in den „Showlinien“ immer noch Kandidaten dabei sind, die natürlich eine deutliche jagdliche Motivation mit sich bringen.

Auch wenn man durch die Wahl der Rasse oder des Mixes auf bestimmte Präferenzen im Verhalten Einfluß nehmen kann, ist es kein Garant dafür, dass der Hund auch diese wirklich mitbringt. Letztendlich zählt für den Hundehalter nur, seinen Hund zu beobachten, seine Vorlieben, seine Talente, ganz losgelöst von seinem Äußeren und auf Basis dessen das Training zu gestalten.

Wir haben uns zum Aufwärmen mit den verschiedenen Puzzelteilen des Jagdverhaltens befasst

  • Orientieren
  • Fixieren/ Fokussieren
  • Beschleichen
  • Hetzen
  • Packen – die Beute wird gepackt und gehalten
  • Töten – die Beute wird getötet
  • Zerlegen/ Fressen

und dabei geschaut, warum es für diesen oder jenen Hund schwerer oder leichter ist, im Training ein Fixieren/ Fokussieren zu verstärken. Dieses ist das erwünschte Jagdverhalten, welches wir bei unseren Hunden durch das Training häufiger sehen wollen. Bei Hunden mit einem angeborenen Talent für das Fokussieren ist es einfacher, Fokussieren/ Vorstehen als Verhalten zu trainieren als bei Hunden, die dieses Talent weniger mitbringen. Das heißt nicht, dass es nicht möglich ist, aber für den Halter bedeutet es eben ein wenig mehr Trainingsaufwand.

Es gibt kein wirkliches Herausreden, Rasse XY könne dieses oder jenes nicht lernen. Es liegt zum größten Teil beim Halter, seinen Popo in Bewegung zu bringen und das Training strukturiert und durchdacht zu gestalten. Das macht dann zwar beispielsweise keinen kleinen Terrier zu einem perfekten Wildanzeigehund, aber halt einen Terrier mit deutlichen Vorstehqualitäten 🙂 .

Das Jagdverhalten ist den Hunden angeboren und verfeinert sich dann im Laufe ihres Lebens. Anja erkärte uns, wie Hunde ihre Sinne einsetzen, um auf Beutejagd zu gehen. Wieder einmal mehr war ich fasziniert von unseren Fellnasen. So unglaubliche Fähigkeiten, die sie mitbringen! Diese nicht Ausleben zu dürfen bedeutet für jagdlich motivierte Hunde einen enormen Stress und Frustration. Es ist nichts, was man ihnen einfach über Strafen verbieten kann und sollte. Angeborenes Verhalten ist sehr resistent gegen Strafen.

Sollte es tatsächlich durch eine massive Strafeinwirkung gehemmt sein, kann das Nebenwirkungen haben. Entweder es tun sich an anderer Stelle Baustellen auf, die erst mal gar nicht danach aussehen, als würde hier der vermeintliche Erfolg bei Unterbrechung des Jagdverhaltens zugrunde liegen oder es frisst die Hunde evtl. von innen auf.

Ist ein Hund draußen unterwegs und nimmt jagdliche Auslöser wahr, werden bestimmte Verhaltensweisen angeknipst. Wieviele Anknipser trifft man so unterwegs im Wald? Wieviele nehmen wir Menschen nicht wahr, da uns die Sinnesleistung fehlt? Das gilt im Speziellen gerade auch für unsere Nase und Ohren. Wie häufig darf der angeknipste Hund nicht jagen gehen? Hier wird schnell deutlich, wie wichtig es ist, dass, wenn der Hund Auslöser wahrgenommen hat, möglichst dem aktuellen Bedürfnis zugrunde liegend eine Belohnung für akzeptabels Verhalten ausgewählt wird. Somit  der Hund dieses Verhalten auch wieder zeigen und sein Bedürfnis mit unserem Dazutun befriedigt wird und damit er auch wieder runterkommen kann.

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Kleinschrittigkeit – unser Mantra an den zwei Tagen

Es wird viel trainiert, es klappt zuhause prima, auf bestimmten Wegen im Wald, aber beim Reh, da überrennt der Hund dann das Signal doch. Meist liegt es daran, dass der Mensch meinte, dass der Hund das, was er in einer Situaiton super ausführt, zügig auch auf andere Situationen und Auslöserintensitäten übertragen kann. Das funktioniert nicht! Wie sagte Anja so ungefähr: wir trainieren Signale nicht, damit sie schön aussehen und wir sie uns ins Regal stellen können. Sie müssen in den Situationen funktionieren, für die wir sie trainieren! Funktioniert ein Signal hier und da super ist das toll! Doch müssen wir dieses Signal auch mit selbem Trainigseifer an immer stärker werden Auslösern traineren. Dann klappt es auch mit dem Rückruf oder dem Vorstehen am Wild.

Wir gingen das Thema Kleinschrittigkeit u.a. durch in den Themen Verknüpfen von Signalen mit Auslösern, Training am Auslöser, Impulskontrolle am Auslöser, Übertragen von Verhalten in andere Kontexten und so weiter und so fort. Und wir lernten, dass es gut ist, manchmal noch kleiner zu denken, wie man eigentlich kann 😀 .

Die Art und Weise, wie Anja die Übungen mit Auslöserintensitäten verknüpft hat, fand ich total toll. Denn auch mir haben da für bestimmte Sachen die Übergänge gefehlt. Hmm… ne, nicht gefehlt, aber ich bin nicht drauf gekommen bzw. hab es einfach nicht so bewusst gemacht, Wildwechsel, Liegekuhlen, Laufspuren direkt ins Training einzubauen und Signale ganz konsequent auch in diesem Kontext zu trainieren.

Atompilze

Anja ist es super wichtig, dass das Training so gestaltet wird, dass Hund nicht wie ein Atompilz am Auslöser steht. Dazu gehört es auch, bedingende Faktoren abzuklopfen, die unerwünschtes Jagdverhalten auslösen können (Gesundheitliche Aspekte, Hintergrundstress, Beschäftigung, Ruhephasen etc.).

Wir haben besprochen, wie wir unser Training mit Kunden und auch mit unseren eigenen so gestalten können, dass die Hunde möglichst wenig kreischend in der Leine hängen und kleinschrittig am Auslöser lernen können. Zudem gab sie uns tolle Ideen an die Hand, wie wir mit Situationen umgehen können, wenn der Hund plärrend in der Leine steht oder am Auslöser zu kippen droht. Stichworte sind hier generell antrainierte Signale, isometrisches Anfassen, konditionierter Geschirrgriff, konditionierte Entspannung, Ort der Belohnung, Wahl der Belohnung, Distanz schaffen. Unerwünschtes Verhalten muss unterbrochen werden, dieses aber schnell, sicher und sanft. Alles andere schafft mehr Erregung, die wir nicht gebrauchen können.

Schleppleine

Anja machte auch noch mal aufmerksam, dass es gut wäre, so wenig Signale mit der Schleppleine zu kombinieren wie möglich. Beispielsweise Hund setzt sich erst auf Sitzpfiff, wenn er einen Leinenimpuls spürt, da er in doch in die Leine gelaufen ist oder Mensch dran zuppelt. Oder er kommt erst auf Rückruf, wenn das Ende der Leine erreicht ist oder Mensch sich ihn ranzieht. Soll der Hund diese Signale auch ohne Schleppleine ausführen, fehlt ihm ohne die Leine ein wichtiges Signal, damit er vernünftig reagieren kann – der Leinenimpuls. Ungünstig!

Das meine ich auch damit wenn ich schreibe, dass Zuki sich auch ohne Schlepp so verhält wie in den Videos mit Schlepp. Es macht für sie keinen Unterschied.

Entspannung

Entspannungstrainig nimmt auch bei Anja viel Platz im Training ein. Eine wichtige Entspannungszone, die sie gerne schnell im Training mit aufgreift, ist das Auto. Wenn Hunde draußen mit vielen jagdlichen Auslöser in Kontakt kommen, brauchen sie einen Ort, wo sie wieder auftanken können. Pausen im Auto sind goldwert, wenn der Hund dieses mit Entspannung verknüpft. Die Teilnehmer durften auch Lernen, wo sie bei ihrem Hund den Puls fühlen können und konnten teils deutliche Unterschiede im Puls vor der Entspannung und danach ausmachen.

Ebenso wichtig ist der Umgang und das Einleiten von Pausen auf Spaziergängen. Zudem auch Pausen, in denen der Mensch nichts vom Hund fordert, es sei denn, die Situation erfordert doch ein Eingreifen.

Belohnung/ Verstärker

Wir haben über verschiedene Belohnungsmöglichkeiten, Spielsignale und deren Aufbau gesprochen, damit die unterschiedlichsten Bedürfnisse in den verschiedenen Situationen (denke an die Puzzelteile des Jagdverhaltens) auch bedient werden können. Hier gab es auch noch mal einen Schwenk zum Markersignal, seine Wichtigkeit als Kooperationssignal und seiner Wirkung auf den Neurotransmitter Dopamin. Genau der, der auch beim selbsbelohnendem Verhalten eine große Rolle spielt.

Anja hatte auch schöne Ideen für die unterschiedlichsten Suchaufgaben und diese mit ins Training einzubinden – nicht als reine Beschäftigung, sondern direkt als Verstärker. Und natürlich war auch der Arbeitspfiff, ein Signal, das Suchaufgaben ankündigt, Thema. Mit Zara hatte ich ihn auch trainiert, aber mit Zuki nicht, da sie eher ein Augenhund ist. Denk nicht so in Schubladen, Nicole! Anja hat mich überzeugt, mit Zuki auch mehr in der Richtung zu machen 😀 .

Aufmerksamkeit und Aufmerksamkeitswechsel

Menschen wünschen sich gerne einen Hund, der im Wald stehts seine Aufmerksamkeit auf sie richtet. Andere Auslöser müsste er somit aber ausblenden (nicht-wahrnehmen geht nicht). Das ist für einen Hund unglaublich anstrengend und kontraproduktiv. Anja ist es wichtig, dass Hunde in ihre Welt abtauchen, aber dann, wenn es nötig ist, ihre Aufmerksamkeit zum Menschen wechseln können. Eine Fähgikeit, die es zu trainieren gilt!

Praxisteile / Übungen

In der Praxis ging es vor allem um das Beobachten lernen von Verhalten, denn nur wenn Mensch seinen Hund richtig wahrnehmen und lesen kann, kann er den richtigen Moment für das Training abpassen. Dazu gab es viele Übungen an die Hand, wie wir mit den Hunden Aufmerksamkeitswechsel an verschiedenen Auslöserintensitäten trainieren können. Spannend fand ich auch die Übungen, wo die Hunde lernen, schnell von einer Motivationslage in die nächste zu wechseln und wieder zurück. Alles wichtige Übungen und eine vorbereitende Basis, auch für den Menschen, wenn es denn ans Wild geht. Natürlich war „Stehenbleiben und Gucken“ lernen ein Kernstück der Praxis und die Anja hatte super Ideen und lustige Kumpanen in der Tasche, die das Training bereichert haben 😀 !

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Fazit:

Das Seminar war so toll, wie ich es erhofft hatte! Natürlich war vieles für mich bekannt. Aber sich Dinge wieder ins aktive Gedächtnis rufen wirkt manchmal Wunder! Dazu super viel tollen neuen Input!

Die Präsentation und der Wissenstransfer hat mir super gut gefallen. Auch der entspannte und verständliche Umgang und Aufbau der Übungen fand ich toll. Dazu das unglaubliche Verständnis für die jagenden Kunden und deren Halter, denen das unerwünschte Jagdverhalten ihrer Hunde doch arg zur Last werden kann.

Ich bin sehr froh, dass Menschen wie Anja das doch oft verstaubte und eher straf-basierende Training bei unerwünschtem Jagdverhalten, verblassen lassen. Das Jagen ist für viele Hunde mit das größte in ihrem Leben. Sie wurden teils sogar speziell dazu gezüchtet. Unglaubliche und bewunderswerte Fähigkeiten, die in ihnen stecken. Und dann sagt der Mensch, hey, so geht das aber eigentlich nicht.

Das Training am unerwünschten Jagdverhalten sollte uns Menschen und den Hunden ebenso viel Freude bereiten, wie den Hunden das Jagen an sich. Das Leben ist bunt, das Training auch! Legt den Fokus auf das erwünschte Jagdverhalten und zeigt eurem Hund, wie toll sich die Kooperation mit euch anfühlt!

Die Tage waren ganz dolle lustig, Mensch und Hund hatten viel Spaß am Training und genau das nehme ich mit für mich und meine Kunden. Ich danke dir, liebe Anja, sehr sehr sehr! Und dir, liebe Sybille, ein liebes Dankeschön für die tolle Organisation des Seminars!

Im Norden ist Anja im Mai wieder zu sehen. Thema wird sein: Jagdverhalten verstehen und kontrollieren http://www.school-for-dogs.de/workshopsseminare/ .

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2 Kommentare zu “Seminarbericht „Jagende Kunden – Kontrolle von Jagdverhalten“

  1. Vielen Dank für die interessante Zusammenfassung!

    Ich durfte Anja auch vor kurzem auf einem Seminar zu Belohnungsmöglichkeiten erleben, und finde die Art und Weise, wie sie phantasievoll und lebendig die Inhalte präsentiert, sehr empfehlenswert.

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  2. Zu dem Thema finde ich auch ein sehr interessantes Buch das Buch von Anke Lehne – Zeitgemäße Jagdhundeführung. Da wird das Thema aus Sicht des Jägers aufgegriffen und eben auch bedacht, dass der Leser möglicherweiße ein Nichtjäger ist und Tipps gegeben für einzelne Situationen. Das Buch kann ich uneingeschränkt weiter empfehlen.

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